Lasst sprechen!
Montag, 8. Mai, großer Hörsaal Liebste Janna, versprochen ist versprochen - wenn's auch manchmal schwer fällt. Aber komisch: Gerade habe ich Lust zum Schreiben. Liegt vielleicht an der langweiligen Vorlesung. Verwaltungsprozessrecht - ätzend. Außerdem ist einiges passiert. Und ich brenne darauf, dich auf den neuesten Stand zu bringen. Dummerweise sitze ich im Blickfeld des Herrn Dozenten (sein Name ist Siebenstein, aber bei uns heißt er nur Einstein, weil er dauernd "relativ" sagt). Man muss sich hüten, ihn nicht versehentlich so anzureden. Sina ist es schon passiert. Voll peinlich. Geschieht ihr aber recht. Bei ihr weiß man allerdings nicht, ob's nicht vielleicht Absicht war. So, wie die sich hinterher entschuldigt hat... Schleim, schleim. Der Typ war so was von gerührt, am Ende hat er sie getröstet! Na ja, sie hat ja auch einiges zu bieten... Ich setze also ein interessiertes Gesicht auf und schreibe eifrig. Das freut Einstein, und mir vergeht die Zeit schneller. Hier also die neuen und geheimen Nachrichten von deiner besten Freundin Anne. Dass es mit Stefan nicht mehr die reine Freude war, hast du bestimmt mitgekriegt. Ich verstehe es selber nicht. Zuerst war ich total verknallt, aber je länger wir zusammen waren, desto mehr ging mir der Typ auf den Wecker. Er ist einfach zu nett. Hat alles für mich gemacht. Wahrscheinlich wäre er mir auf allen Vieren am Halsband gefolgt, wenn ich gewollt hätte. Kein Widerstand, kein eigener Wille. Tja, liebste Janna, das war mir dann irgendwann zu viel - oder zu wenig. Wie man's nimmt. Also hat sich deine Anne zu einem radikalen Schritt entschlossen und Stefan Adieu gesagt - tränenreich, versteht sich. (Wusste gar nicht, dass Kerle so heulen können.) Aber wir bleiben doch wenigstens Freunde? Na ja, meinetwegen. Die männerfreie Phase war nicht schlecht. Hätte ganz gut noch eine Weile so leben können. Aber dann ist mir ein gewisser Jan Phillip an die Wäsche gegangen. Nicht, was du denkst! Es war im Waschsalon. Verwechselt die Maschinen und steht plötzlich vor dem offenen Bullauge - meine supergeilen Feinripp-Dessous in den Händen und glotzt wie'n Karpfen an Silvester. Ich: Na, alles eingelaufen? Er (mit rotem Kopf): Äh, entschuldige, ich... Ist das deine? Hab' wohl was verwechselt. Ich: Und nun? Wieder zurück? Oder in den Trockner? Er (sieht mich an, dann meine Slips, dann ins Bullauge): Nein, ja, ich meine... Ich (kann mich kaum noch halten, so kichert's in mir hoch): du kannst sie auch noch noch 'ne Weile halten - wenn du auf Damenwäsche stehst. Das war gemein, ich weiß. In dem Moment tat's mir auch schon leid. Aber der Typ hat nur gelächelt, sich gebückt, dem Arm voll gepackt und alles zum Trockner gebracht, ordentlich reingelegt (nicht so gestopft wie ich) und eingeschaltet. Da war ich platt. Krieg gerade noch ein Danke! raus. Darauf er: Den Dank, Dame, begehr' ich nicht. Ironische Verbeugung, Abgang. Ende. Jetzt erst ich sehe ich, wie gut er aussieht - könnte Ethan Hawkes jüngerer Bruder sein! Und gebildet. Der Spruch kam mir bekannt vor. Vielleicht von Schiller? Hatten wir in der Schule nicht mal 'n Gedicht mit 'nem Handschuh oder so? Egal. Jedenfalls geht mir der Typ nicht aus dem Kopf. Na ja, Pech. War eben mal wieder zu blöd. So einer hat bestimmt Erfolg bei schönen Frauen und wartet nicht auf meine kurzbeinige, stummelnasige Wenigkeit. Und nun der Knaller: Ein paar Tage später treffe ich Jung-Ethan in der Mensa. Bin direkt etwas verlegen. Er winkt mir zu, soll an seinen Tisch kommen, stellt mir seinen Kumpel Alex vor, und dann quatschen wir 'ne volle Stunde. Über Gott und die Welt. Und am Ende lädt er mich ein. Sagt, er findet mich sympathisch und könnte sich vorstellen, mit mir einen netten Abend zu verbringen. Tja, meine liebe Janna. Was macht frau da? Was hättest du gemacht? Ablehnen - weil alle Typen ja doch nur das eine wollen? Freudig annehmen - weil die Chance ja nicht wiederkommt? Bescheidene Situation, sag ich dir. Hab ein bisschen herumgedruckst, darauf er: Ruf mich an, wenn du Lust hast. Würde mich freuen. Mit dir kann man sich gut unterhalten. Ich schreib dir Nummer und Adresse auf. Drei Tage habe ich den Zettel hin und her geschoben. Schöne Schrift, erinnerte mich an deine. Gestern habe ich angerufen. Natürlich keiner da. Aber ich hab ja die Adresse. Also schreiben? Warum eigentlich nicht!
Herrn Jan Phillip Janssen Mittwoch, 3. Mai Hallo Jan, hier schreibt deine Waschsalon-Bekanntschaft. Ist schon der dritte Versuch. Zweimal habe ich den Brief zerknüllt, weil ich nicht wusste, wie ich's schreiben soll. Vielleicht geht's so: Gilt deine Einladung noch? Habe an den nächsten Abenden nichts Besonderes vor. Wenn du magst, komme ich mal vorbei. Sag Bescheid, wann es dir passt. O. K.? Gruß, Anne
Samstag, 6. Mai Hallo Anne, danke für deinen Brief, über den ich mich sehr gefreut habe. Du bist herzlich eingeladen: Mittwoch, 10., 20 Uhr bei mir zum Abendessen - mit Kerzen und Musik. Bis dann! Jan
Mit Kerzen und Musik! Noch zwei Tage. Janna, ich bin schon so gespannt. Jetzt muss ich aber erst mal Schluss machen. Die Vorlesung ist beendet, und nachher im Strafrechtsseminar heißt es aufpassen. Schreibe morgen weiter. Dienstag, 9. Mai, morgens im Bett. Janna, du glaubst es nicht. Blöd, wie ich bin, habe ich (gestern am Telefon) meiner supertoleranten Mutter von Jan erzählt. Hättest sie mal hören sollen. Plötzlich war Stefan der liebste, beste und netteste Junge, den sie jemals erlebt hat. Höflich, aufmerksam, rücksichtsvoll und was weiß ich nicht alles. Erinnerst du dich an den Aufstand, als wir zur Love-Parade fahren wollten? Tod und Teufel, Alkohol und Aids und tausend andere Gefahren, von denen junge Mädchen bedroht sind. Besonders in Berlin, und ganz besonders bei diesem "Verrückten-Umzug". Und immer diese Andeutungen! (Allein mit einem jungen Mann. Da kann ja sonst was passieren. Was? Das fragst du noch? Du weißt schon, was ich meine. Als Mutter macht man sich eben Gedanken ...) Und nun schickt die liebe Tochter diesen netten jungen Mann in die Wüste. Nicht zu fassen. (Wieso denn nur? Ihr habt euch doch so gut verstanden? Was hat er dir getan? Und so weiter, und so weiter.) Nerv! Am liebsten hätte ich gesagt: Das war's ja gerade: Er hat mir nichts getan. Aber wie soll man einer Mutter das erklären? (Weißt du, Mama, im Bett war's auch nicht gerade aufregend mit Stefan. So 'ne Art Beamtensex. Wie du und Papa. Früher, als ihr noch...) Also was? Reden lassen und: ja, Mama, nein, Mamma, du hast ja recht, Mama. Ich versteh's ja auch nicht. Bla bla. Irgendwann habe ich aufgelegt. Die Frau ist ja so was von uncool. Manchmal könnte ich sie erwürgen. So, das musste ich erst mal loswerden. Stehe jetzt auf, muss vor der Uni noch meine Garderobe checken. Morgen Abend will ich mindestens wie Uma Thuman aussehen. Dienstag, 9. Mai, abends in der Küche. Stell dir vor: Finde heute einen Brief von Mama im Kasten. Sie muss sich gestern noch ordentlich angestrengt haben, um erstens zu schreiben und zweitens den Brief zur Post zu kriegen. Voll die Härte, sag' ich dir. Aber lies selbst. Die Litanei liegt bei.
Montag, 8. Mai Liebe Annemarie, nach Deinem Anruf war ich doch ziemlich betroffen. Du irrst, wenn du meinst, Dein Leben ginge mich nichts an. Schließlich finanzieren wir Dein Studium und haben ein Recht darauf, zu erfahren, wie Du vorankommst. Zwei Klausuren mit drei Punkten sind kein gutes Zeichen. Da muss ja wohl die Frage erlaubt sein, was Dich so beschäftigt, dass Du Dich nicht ordentlich vorbereiten kannst. Natürlich ist es Deine Angelegenheit, wenn Du Dich von Stefan trennst. Aber es kann nicht richtig sein, die Freunde wie die Wäsche zu wechseln. Stefan passt gut zu Dir, also überleg es Dir noch mal. Ich möchte nicht, dass meine Tochter zu denen gehört, die jeden Monat mit einem anderen Freund ankommen. Außerdem hat häufiger Partnerwechsel auch Risiken. Du weißt schon. Papa und ich sind nicht gewillt, für eventuelle Folgen geradezustehen. Also reiß dich zusammen und mach uns keine Schande. Und im übrigen bitte ich mir etwas mehr Höflichkeit aus. Deine Ausdrucksweise lässt einiges zu wünschen übrig. Es gehört sich auch nicht, einfach den Hörer aufzulegen. Man könnte meinen, Du hast den Verstand verloren. Grüße, auch von Papa, Mama
Ich mache jetzt Schluss und klebe den Brief zu. Hoffe, bald von dir zu hören und drücke dich, liebste Janna, deine Anne
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